FILM off hollywood
The Corporation
Von Florian Zollmann
Massenentlassungen, Armut, Hungersnöte, Umweltverschmutzung,
Klimawandel, Kinderarbeit, Ausbeutung und Wirtschaftskrisen - das sind
alles Probleme, die seit Jahren unsere Öffentlichkeit beschäftigen.
Die
Autoren und Filmemacher Mark Achbar, Jennifer Abbott und Joel Bakan
meinen nun, den Übeltäter für diese Miseren gefunden zu haben: den
modernen Großkonzern. In ihrem gleichnamigen Dokumentarfilm »The
Corporation« werden die äußerst negativen Seiten dieser Institution
beleuchtet.
In der global-kapitalistischen Welt haben Konzerne den Status einer
„juristischen Person“. Aber was für eine Person ist ein Konzern? Diese
Frage beantworten die Filmemacher anhand ausgiebig recherchierter
Fallstudien, in denen zahlreiche Insider, Manager, Wissenschaftler und
Experten zu Wort kommen.
So entsteht ein erschütterndes Psychogramm: Konzerne sind gesetzlich
dazu verpflichtet, Profite zu erwirtschaften. Dies führt dazu, dass
gesellschaftliche Erwägungen ökonomischen untergeordnet werden. Daher
verschmutzen Konzerne die Umwelt, produzieren ungesunde Nahrungsmittel,
missachten Gesetze oder beuten ihre Arbeiter maßlos aus, wenn es der
Rendite förderlich ist. Wie der Film aufzeigt, ist dieses Verhalten
institutionell bedingt, im Prinzip dürfen Konzerne nicht anders
handeln, weil sie gesetzlich ihren Aktionären und nicht der
Allgemeinheit verpflichtet sind. Und die provokante Kernthese des
Filmes lautet denn auch, dass Konzerne wie Psychopathen handeln.
»The Corporation« zeigt das zerstörerische Wesen des modernen
Kapitalismus: Nicht der Mensch, sondern die von ihm erschaffene
Institution ist das Problem. Aber es gibt noch Auswege: Auch wenn
Konzerne derzeit wie Frankensteins Monster auf der Erde herumtrampeln,
liegt es an den Menschen, sie zu verändern. Denn Konzerne sind
künstlich entstandene Gebilde. Ihre durch juristische Entscheidungen
gegebene Macht kann von den Menschen auch wieder genommen werden. Wie
am Schluss von »The Corporation« gezeigt wird, bedarf es dazu wohl
einer großen Protestbewegung.
»The Corporation« ist ein notwendiger Film, weil er über ein
fundamentales Problem unserer Gesellschaften aufklärt. Die Autoren
haben aus historischem Archivmaterial, Außenaufnahmen, Interviews und
grafischen Animationen ein politisches Kunstwerk geschaffen, das nicht
umsonst mit 22 internationalen und neun Publikumspreisen ausgezeichnet
wurde.
Regie: Mark Achbar, Jennifer Abbott und Joel Bakan, 2003, Kanada, 145 Min., OmU
Dieser Text erschien im Provo-Heft 4/2009